In der Frank­furter U‑Bahn-Sta­tion Willy-Brandt-Platz gibt es die ​Säulen der Ein­tracht“. Auf elf Säulen in den Kata­komben sind die Bilder einer Art Frank­furter Jahr­hun­dertelf ver­ewigt, die Fans konnten dafür vor ein paar Jahren abstimmen, welche elf Spieler für sie die wich­tigsten der Ver­eins­ge­schichte sind. Seither zieren die Kon­ter­feis von Anthony Yeboah, Bernd Höl­zen­bein oder Charly Körbel die Sta­tion. Und natür­li­ches jenes von Jürgen Gra­bowski.

Das Prinzip der Säulen der Ein­tracht ist auch des­wegen so tref­fend, weil es sie ja tat­säch­lich gibt, diese Säulen eines Ver­eins. Spieler, die ihr ganzes Leben einem Klub widmen, deren mensch­liche Bedeu­tung die sport­liche irgend­wann tran­szen­diert und die dadurch ein so inte­graler Bestand­teil eines Klubs werden, dass sie über Gene­ra­tionen hinweg ein Refe­renz­punkt sind für alle Men­schen, die den Klub im Herzen tragen. Sie werden zu einem Teil der Seele eines Klubs, eine Säule, auf die sich ein ganzer Verein stützen kann. Jürgen Gra­bowski war so ein Spieler.

Teil eines Man­tras

Gra­bowski kam 1965 aus dem hes­si­schen Ama­teur­fuß­ball zur Ein­tracht, er schaffte umweglos den Durch­bruch. Ein Künstler am Ball, ​wenn nicht sogar der größte, den wir bei der Ein­tracht je hatten“, sagte sein Mit­spieler Charly Körbel einst. Mit dem wenig später zur Ein­tracht gewech­selten Bernd Höl­zen­bein und dem im Oktober erst ver­stor­benen Bernd Nickel bil­dete Gra­bowski eine Achse, die die sehr erfolg­rei­chen 70er-Jahre der Ein­tracht begrün­dete. Er wurde Pokal­sieger 1974 und 1975 und holte den Uefa Cup 1980. Jenes Finale ver­passte er ver­letzt, weil ihn zuvor ein junger Lothar Mat­thäus im Liga­spiel ver­letzte. ​Da steht deine Mann­schaft im End­spiel und du sitzt auf der Tri­büne. Das ist nicht gerecht“, sagte er später. Bernd Höl­zen­bein, der den Pokal ent­ge­gen­nahm, reichte ihn umweglos an den ver­letzten Kapitän weiter, anschlie­ßend trugen ihn die Mann­schafts­ka­me­raden auf Schul­tern über den Platz. Danach war die Kar­riere vorbei. Noch Dekaden später blo­ckierten die Ein­tracht-Fans ein Enga­ge­ment von Mat­thäus als Trainer. Wird ein Denkmal beschä­digt, ver­gisst man das nicht.

In jenen Grab­woski-Jahren begrün­dete die Ein­tracht auch den Ruf der ​Diva vom Main“, als sie die Bayern regel­mäßig aus dem Sta­dion schoss, nur um eine Woche drauf gegen kleine Gegner zu stol­pern. Auch so funk­tio­niert Folk­lore, auch sie ist Teil der Iden­tität. Aber Gra­bow­skis Erfolge über­strahlen das. Er wurde Vize­welt­meister in Eng­land 1966, Welt­meister 1974, außerdem Euro­pa­meister 1972 und ​welt­bester Ein­wech­sel­spieler“. ​Frank­furts Stolz – der Grabi und der Holz“, begannen die Fans damals zu singen, heute singen sie: ​Wir haben die Ein­tracht im End­spiel gesehen, mit dem Jürgen, mit dem Jürgen.“ Das ist mehr als eine Ver­nei­gung vor dem großen Jürgen Gra­bowski. Das ist ein sich vor jedem Heim­spiel wie­der­ho­lendes Ritual, Teil eines Man­tras, mit dem man sich besinnt auf das, was man gemeinsam ist, Ein­tracht Frank­furt, und was ohne Gra­bowski anders wäre. Oft genug, bis letzten Herbst noch, war Gra­bowski selbst regel­mäßig im Sta­dion zugegen, gesund­heit­lich ging es ihm da schon nicht mehr so gut. Nun ist er im Alter von 77 Jahren gestorben. ​Als ich Welt­meister wurde, dachte ich für einen kurzen Moment: Jetzt gehört dir die Welt!“, sagte Gra­bowski einst im Inter­view mit 11FREUNDE. Das viel­leicht nicht. Frank­furt aber ganz sicher.