Herr Sude, was zeichnet einen sehr guten Tor­hüter aus?

Ich bin ein Freund von Tor­hü­tern, die ein Spiel lesen können. Das ist heute gefragter denn je. Tor­hüter müssen wie Tiger auf Beu­te­suche sein. Das heißt anti­zi­pieren: Wann muss er springen? Wann muss er sich her­an­schlei­chen?

Wel­ches ​Raub­tier“ fällt Ihnen darauf spontan ein?

Jörg Stiel! Der besaß für all das die Erfah­rung, den rich­tigen Rie­cher, und konnte als Libero die Bälle abfangen. Aber ihm kam auch Hans Meyers System, den Gegner weit vom Tor fern­zu­halten, zu gute. Wenn ein Trainer die Phi­lo­so­phie hat, sich in die Räume zurück­fallen zu lassen und hinten zu stehen, kann der Tor­wart natür­lich nicht am 16er her­um­geis­tern.

Wem eiferten Sie nach?

Der Wolf­gang Kleff hatte die Stärke, Stürmer und ihre Vor­haben zu beob­achten, Dinge vor­her­zu­sehen. Er war für mich ein­fach ein Mann, der damals schon der voraus den­kende Tor­wart war, der sehr viel spe­ku­liert und Spiele gelesen hat. Das ver­mit­telte er uns Tor­leuten. Es gab damals in dem Sinne ja keinen Tor­wart­trainer, son­dern du hast dir das ein­fach abge­schaut. Sei es das Diri­gieren, die Kom­mu­ni­ka­tion mit den Defen­siv­spie­lern – ein stän­diger Dialog, der viele Situa­tionen schon im Vor­feld berei­nigte.

Sie begannen erst mit 12 Jahren, in einem Fuß­ball­verein zu spielen. Das ist ein unge­wöhn­lich später Zeit­punkt.

Sie müssen die geo­gra­fi­sche Situa­tion vor Augen haben. In der kleinen Gemeinde Gold­hausen (in Nord­hessen, Anm. d. Red.), wo ich wohnte, gab es selbst keinen Fuß­ball­verein. Wenn man die Hühner mit­zählt, waren wir 300 Seelen im Dorf. Mein Vater hatte einen kleinen Hof samt Scheune, und wir ver­brachten jede freie Minute, um an das Scheu­nentor zu bal­lern oder den Ball hoch­zu­halten.

Wie ver­schlug es Sie dann eines Tages, fern der Hühner und des elter­li­chen Hofes, zu Ihrer ersten Mann­schaft?

Ich werde nie ver­gessen, wie mein Kumpel mir sagte: ​Mensch, lass uns mal nach Immig­hausen fahren und bei einem Spiel zuschauen. Ich gehe da zur Schule und habe ein paar Kum­pels, die dort spielen.“ Also machten wir eine Rad­tour. Zur Halb­zeit lagen die 0:4 zurück, wir beide hatten uns in der Halb­zeit schnell ne Turn­hose ange­zogen, und ein­fach mit­ge­spielt. Nach einem Spie­ler­pass oder der­glei­chen fragte da keiner. Wir gewannen noch 13:4. Nach dem Spiel war Immig­hausen natür­lich heiß auf uns. Von da an spielten wir mit – auch mit Pass (lacht). Wir sind dann jedes Mal 13km hin und zurück mit dem Fahrrad gefahren, um am Trai­ning oder Spiel teil­nehmen zu können.

Warum wech­selten Sie wenig später vom Feld ins Tor?

Wie bei vielen anderen Bei­spielen eher durch Zufall. Ein Freund von mir brach sich die Hand. Dann bin ich rein gegangen und auch nicht mehr raus gekommen, weil ich Spaß daran hatte.

Zu wel­chem Zeit­punkt stellte sich heraus, dass in Ihnen mehr als der Held von Immig­hausen ste­cken könnte?

Irgend­wann spielte ich in Kor­bach und fand meine per­sön­liche Gold­grube, denn ein Mann sprach mich an, Sindo Ben­geo­chea, ein Spa­nier. Er spielte früher selbst in San Sebas­tian und kam nach Deutsch­land, um zu arbeiten. Der hatte das kom­plette Tor­wart­re­per­toire drauf. Diesem Mann habe ich sehr, sehr viel zu ver­danken. Er sagte: ​Pass mal auf, Junge. Ich hab’ dich beob­achtet. Da müssen wir noch was mit deinem Gewicht machen, und an deiner Sprung­kraft, deiner Technik arbeiten. Aber ansonsten hast du ein Talent für gewisse Dinge.“ Er nahm sich dann über drei Jahre unent­gelt­lich meiner an. Ob nach dem Trai­ning, vor dem Trai­ning, immer in der Sand­grube, da die Plätze gesperrt waren. Diese Freund­schaft hält heute noch.

1976 ging es dann mit dem Fahrrad weiter nach Mön­chen­glad­bach?

(lacht) Nein, aber ich habe mein Glück in beide Hände genommen, wollte mich ein­fach mit den Profis messen und ging nach Glad­bach: ​Hallo, hier ist der Uli Sude, ich will mich mal vor­stellen.“ Und alle gucken dich an. Udo Lattek sagte nur: ​Na gut, kommt, Jungs, dann schießt mal ein paar Bälle drauf.“ Daraus wurde eine Stunde. Danach lag ich halb im Koma, aber wäre lieber tot umge­fallen, als aus dem Tor zu gehen.

Etliche Jahre standen Sie in der zweiten Reihe. Es muss doch Momente gegeben haben, an denen Sie ein­fach nur weg wollten.

Ich war vier­ein­halb Jahre Ersatz­tor­wart. Man kann sich gar nicht vor­stellen, dass ein Tor­wart das heute aus­hält. Da war Wolf­gang Kneib, da war Wolf­gang Kleff, zwei große Schatten. Man merkt im Laufe der Jahre natür­lich selbst, wie man sich ent­wi­ckelt. Ich merkte ein­fach, dass ich auf­ge­holt hatte. Dann kam ein Angebot von Bie­le­feld, wo Horst Köppel Trainer war. Ich ging mit dem Willen zu wech­seln zu Jupp Heyn­ckes. Heyn­ckes lehnte ab: ​Ich gebe dich nicht frei, weil du nächstes Jahr mein Stamm­tor­wart bist.“

Gerade hatten Sie das Ver­trauen bekommen, da bra­chen Sie sich die Hand.

Ich brach mir meine Mit­tel­hand, fing jedoch schon wieder an zu spielen, als sie noch immer nicht ver­heilt war. Das wurde vor Spielen not­dürftig getapet, die Sehnen ver­klebt und fest­ge­stellt. Ich konnte die Finger also nicht krumm machen, nicht fausten, musste des­halb jeden Ball mit steifen Händen in der Luft fangen. Das machte ich ein halbes Jahr mit, und Kritik an meinem Stil kam schon auf. Bei einem Spiel gegen Bie­le­feld knallte Dirk Hupe mit mir in der Luft zusammen, und fällt mir am Boden voll auf den Ellen­bogen. Alle Bänder im Ellen­bogen waren gerissen. Das konnte nur ein­ge­gipst werden.

Wie weit war der Weg zurück ins Tor?

Das bedeu­tete ein Drei­vier­tel­jahr wirk­lich Kampf und Über­win­dung pur. Ich habe noch heute 15 Grad Ein­schrän­kung bei der Beweg­lich­keit im Ellen­bogen. Dann kam Uwe Kamps, der eine sehr gute Serie spielte. Aber ich habe an mich geglaubt, immer wieder mit Heyn­ckes Gespräche geführt. Uwe kam dann 1983 nicht so gut in die Saison rein, und ich erhielt gegen Werder Bremen am dritten Spieltag meine Chance.

Das Glück hielt ver­hält­nis­mäßig kurz, denn ein sport­li­cher Schick­sals­schlag been­dete 1986 jäh Ihre Lauf­bahn.

Am Anfang wurde der Kreuz­band­riss gar nicht dia­gnos­ti­ziert, ich hatte ledig­lich Schmerzen im Knie. Erst nachdem man bei der OP mal rein­schaute, war das Unheil per­fekt. Als ich auf­wachte, hatte ich solche Schmerzen, und flehte: ​Doc, gib mir Drogen, ich halt’s nicht mehr aus.“ Und der sagte: ​Uli, dann geb ich dir etwas, was einen Ele­fanten umhaut.“ Das waren die schlimmsten sechs Tage, die man sich vor­stellen kann.

Und das im besten Tor­wartalter.

Eben, in dem Alter, Anfang 30, merkt man erstmal, was Rou­tine, Sach­lich­keit und Gelas­sen­heit aus­macht, das sieht man als junger Mensch ganz anders. Wie dann die Sport­in­va­li­dität durch war und ich die ersten Male wieder auf dem Bökel­berg bei der Mann­schaft war… (über­legt einige Momente) Ich bekam feuchte Hände. Ein Abschied­nehmen von der Bühne.

Manche Tor­hü­ter­kon­kur­renten können ein­ander nicht in die Augen schauen. Wie war Ihr Ver­hältnis zu Uwe Kamps?

Sie dürfen raten, wer der Erste war, der mich am Kran­ken­bett besucht hat. Nicht falsch ver­stehen, son­dern ganz im Gegen­teil, denn da dachte ich ja noch nicht an Inva­li­dität. Wir pushten uns immer gegen­seitig, hatten gemein­same Hobbys, haben zusammen viel unter­nommen. Damals gab es noch keine Aus­rüster, ich hatte ihm mal Tor­wart­hand­schuhe besorgt. Das war ein Geben und Nehmen. Später ver­pflich­tete die Borussia Erik Thorst­vedt, und Uwe lieb­äu­gelte mit einem Wechsel nach Utrecht. Ich sagte ihm: ​Uwe, bleib! Nimm den Kampf auf.“ Bei aller Riva­lität war der Respekt vor dem anderen immer da.

Sie hielten einige Elf­meter wäh­rend Ihrer Lauf­bahn. Ist diese Fähig­keit in die Wiege gelegt, oder lernt man das?

Jeder hat so seine Phi­lo­so­phie. Ich habe mich immer sehr viel mit Fuß­ball beschäf­tigt. Das hieß: Sport­schau und Sport­studio schauen. Dann wusste man so unge­fähr, wo der ein oder andere Schütze hin schießt. In der Elf­me­ter­si­tua­tion an sich aber hatte ich meine eigene Art, die Spieler sehr zu beob­achten. Ein Spieler neigt beim Anlaufen immer ein biss­chen dazu, in sein Ziel hin­ein­zu­schauen. In Köln hielt ich einmal zwei Elfer. Bei Ste­phan Engels wusste ich, dass er gerne schiebt, und Allofs lief bei seinem Elfer, über­trieben gesagt, 20 Meter an – der konnte ja gar nicht anders, als voll drauf halten. Ich bekam den dann ans Schul­ter­eck­ge­lenk, das merkte ich gar nicht, so schnell kam der ange­flogen.

Wel­chen posi­tiven und nega­tiven Anteil besitzt ein Trainer am Selbst­ver­trauen und der Ver­fas­sung eines Tor­warts?

Ich habe selbst am eigenen Leib gespürt, wie wichtig es ist, dass der Trainer dem Tor­wart das abso­lute Ver­trauen aus­spricht. Sicher­lich will jeder Spieler Ver­trauen bekommen, aber was die Tor­hüter angeht – dass man sich fest­ge­legt, so wie es bei­spiels­weise Joa­chim Löw mit Leh­mann tut – kann diese Wert­schät­zung gar nicht hoch genug sein. Weil du ein Ein­zel­kämpfer bist, weil du der Letzte in der Abwehr bist, des­halb musst du wissen, dass du sein Mann bist.

Sind Tor­hüter wirk­lich Ein­zel­kämpfer?

Teil­weise ist es ja gar nicht anders mög­lich. Sicher­lich hat man als Feld­spieler allein schon im Grund­le­genden Vor­teile – bei­spiels­weise das bes­seres Gefühl, in einer großen Gruppe zu trai­nieren, anstatt als Tor­wart teil­weise iso­liert sein Ding machen zu müssen. Der Ein­zelne kann natür­lich nicht gewinnen, aber wichtig ist, dass er in der Mann­schaft und beim Trainer die abso­lute Aner­ken­nung besitzt, auf ihn gehört wird. Diese Macht, die auch Olli Kahn hat, musst du dir durch Fleiß erar­beiten. Natür­lich muss der Tor­wart aber auch eine solche Domi­nanz aus­strahlen, dass über­haupt keine Dis­kus­sion auf­kommen kann.

Was pas­siert, wenn dieses sen­sible Gefüge aus Aner­ken­nung und Ver­trauen aus dem Gleich­ge­wicht gerät?

Wenn dich ein Trainer oder die Mann­schaft anzwei­feln, ins­be­son­dere in der Öffent­lich­keit, wirst du als Tor­wart schwach gemacht. Die Aus­wir­kungen eines ange­knacksten Gliedes in der Kette sind all­seits bekannt. Du musst psy­chisch stabil sein. Wenn ein Tor­wart schlecht spielt, kann er die Unsi­cher­heit auf die Mann­schaft über­tragen – aber wenn ein Stürmer ein Total­aus­fall ist, höre ich nie Schuld­zu­wei­sungen über einen län­geren Zeit­raum.

Einen erheb­li­chen Anteil der großen Last muss dem­nach der Tor­wart alleine stemmen. Sozu­sagen ein neu­zeit­li­cher Atlas?

(lacht) Ich finde, man sagt nicht umsonst, der Tor­wart ist der Rück­halt eines Teams. Ich würde sogar eine Pyra­mide auf­bauen und umdrehen. Er ist die Spitze – und nicht umge­kehrt.

Das abge­dro­schenste aller Tor­hü­ter­kli­schees ist, dass sie zusammen mit den Links­außen eine Macke haben sollen. Können Sie das bestä­tigen?

Ich sehe das anders­herum. Nennen sie mir einen Tor­wart, der nicht ein gewisses Niveau hat. So viele Stürmer kann man gar nicht ver­pflichten. Und nach einem klas­si­schen Links­außen würden sich alle heute die Finger lecken.

Ihre erste Begeg­nung mit dem dama­ligen Bun­des­liga-Frisch­ling Oliver Kahn geschah wäh­rend einer Fahr­rad­tour. Und er soll Ihnen gar nicht so unähn­lich gewesen sein.

Ich hatte noch mit Winnie Schäfer zusam­men­ge­spielt. Damals wohnte meine Familie im Natur­schutz­ge­biet Brüggen, und an der Borner Mühle machte der KSC unter Schäfer Anfang der 90er die Vor­be­rei­tung. Durch Zufall radelte ich vorbei, das Trai­ning war beendet, und ein blonder Tor­wart, der die ganze Zeit den Ball hoch­warf, einen Pur­zel­baum machte und danach nach dem Ball hech­tete, fiel mir ins Auge. Schäfer und ich schnackten dann viel­leicht dreißig Minuten, und als ich mich umdrehte, machte der immer noch die gleiche Übung. Schäfer sagte: ​Das ist ein genauso positiv Bekloppter wie du, der wird mal Kar­riere machen, der beißt genauso in die Eisen wie du.“ Ein Ver­gleich, denn alles, was ich mir erar­beitet habe, kam durch meine Wil­len­stärke. Weil ich es wollte.

Über­setzen Sie bitte ​positiv bekloppt“.

Nie zufrieden sein mit einer Sache, auf Trai­nings­ebene immer mehr for­dern. Sich bis zur Erschöp­fung und dar­über hinaus quälen. Diesen Anspruch an sich selbst will man von seinen Mit­spie­lern auch sehen. Manchmal bekommt man die Pro­bleme, dass man dabei übers Ziel hin­aus­schießt.

Wie würden Sie Ihren Stil beschreiben?

Ich war immer ein Mann, der, was den Straf­raum angeht, viel ris­kiert hat, mit kühnen Paraden, und weit draußen stand. Wenn es sein musste, bin ich auch mit hals­mör­de­ri­schen Atta­cken da raus, Kopf vor­neweg. Ich habe mich nie geschont. Wenn wir frei­tags bei Jupp Heyn­ckes’ Abschluss­trai­ning Eck­bälle machten, flehten einige schon: ​Können wir das nicht mit einem anderen Tor­wart machen?“ Da habe ich manchmal die eigenen Leute noch weg­ge­hauen. Das war meine posi­tive Kampf­ein­stim­mung.

Denken Sie manchmal dar­über nach, warum Sie nie die Mög­lich­keit bekamen, in der Natio­nal­mann­schaft zu spielen?

Ich sage ihnen ganz ehr­lich, dass eine Sache mir wehtat. Nach dem Pokal­fi­nale 1984, ich war 28. In diesem Jahr hatte ich aus meiner Sicht eine über­ra­gende Saison gespielt, wurde drei­zehnmal in die Kicker-Elf des Tages berufen. Und am Ende der Saison war ich im Urlaub und freute mich, ​jetzt siehst du dich im Kicker mit 13 Beru­fungen in der Elf des Jahres.“ An meiner Stelle war Uli Stein abge­bildet, mit viel weniger Beru­fungen. Nach zwei oder drei Wochen hat dann ein Leser mal darauf auf­merksam gemacht, dass ich da hätte stehen müssen. Irgend­wann schrieben sie in einer kleinen Heft­ecke, dass sie mich ver­gessen hatten. Das wäre auf der einen Seite für mich selbst eine schöne Sache gewesen – und außerdem wäre auch eine gewisse Auf­merk­sam­keit auf mich gefallen. Ich weiß nicht, ob es ein­fach Zufall war, aber ich muss sagen: Das tat schon weh.

Also ent­scheidet an gewissen Stellen ein­fach auch die Lobby und nicht aus­schließ­lich nur die Leis­tung?

Natür­lich muss man fair sein. Uli Stein und Toni Schu­ma­cher hatten über Jahre ihre Klasse bewiesen. Aber komisch war schon, dass ich in dem Sinne nicht exis­tierte in der Liga.

Fühlen Sie sich im Nach­hinein nicht genug gewür­digt?

Jupp Heyn­ckes sagte einmal: ​Uli Sude werden wir mal als Nach­folger von Toni Schu­ma­cher sehen.“ Man muss das nüch­tern sehen. Ich hatte natür­lich auch noch nicht das geleistet, was ein Uli Stein geleistet hatte. Ich hatte eine her­vor­ra­gende Saison. Mehr war mit meinen Ver­let­zungs­wid­rig­keiten zu dem Zeit­punkt nicht mög­lich. Durch den Kreuz­band­riss wurde ich jäh her­aus­ge­rissen.

Was hätte sein können, wenn…?

Ich wäre gespannt gewesen, wie das aus­ge­gangen wäre ohne die Inva­li­dität. Das frage ich mich schon mal. Du merkst es ja selbst an dir. Am Anfang kommen dir die Trai­ner­worte, dass ein Tor­wart erst mit den Jahren reifer wird, völlig unver­ständ­lich vor, und du als junger Spund denkst: ​Was will denn der, ich schmeiße mich hier kreuz und quer durch die Prärie. Also lass mich gefäl­ligst ins Tor!“ Aber der Erfah­rene steht dann bereits an der Stelle, wo du hin­springen willst, hat die noch grö­ßeren Nerven und die noch grö­ßere Gelas­sen­heit. Das ver­steht man erst, wenn man selbst das reife Alter erreicht hat.

Sie kamen sehr lange nicht an Wolf­gang Kneib und Wolf­gang Kleff vorbei. Als zweiter Mann hält man ständig die Span­nung, bekommt dann immer wieder mit­ge­teilt, nur Ersatz­mann zu sein, und muss den­noch zu jeder Sekunde bereit sein, ein­springen zu können. Wann schlagen Unge­duld und Ent­täu­schung in einen Leis­tungs­ab­fall um?

Bei mir war es anders, vor allem war ich in dieser Zeit noch sehr jung. Ich glaube, es ist dann ein Pro­blem, wenn der Trainer auf dich zukommt, wenn du Ende 20 bist, und sagt: ​Ich brauch’ einen anderen.“ Ich habe mich schon ein­fach immer daran erfreut, trai­nieren zu können. Das hat auch etwas mit Wert­schät­zung zu tun. Ich bin gelernter Elek­triker und weiß, wie man mit Fäustel und Hammer umgeht. (Wird aus dem Hin­ter­grund unter­bro­chen: ​Du hast doch‚ nen Kurzen in der Hose, des­halb bist du Elek­triker.“ Worauf Sude aus der Pis­tole geschossen erwi­dert: ​Ganz im Gegen­teil, ich bin näm­lich Stark­strom­elek­triker.“ Lautes Gelächter) Ich sage ihnen ganz ehr­lich, wenn du im Berufs­leben steckst, weißt du auch über das Leben ein biss­chen mehr bescheid, als der­je­nige, der seit der Jugend­na­tio­nal­mann­schaft nur hofiert worden ist und dann im Män­ner­be­reich ankommt und davon aus­geht, die Welt liege ihm sowieso zu Füßen.

Sie waren dankbar, über­haupt bei Mön­chen­glad­bach einen Ver­trag erhalten zu haben?

Das war für uns ein­fach auch ein sozialer Auf­stieg, da wollen wir nicht drum her­um­reden. Fuß­ball war Aner­ken­nung, hier konn­test du mehr Geld ver­dienen als der Otto­nor­mal­ver­diener.

Haben Sie den Profi-Fuß­ball anfangs unter­schätzt?

Der Mund ist erstmal ganz weit auf, wenn du siehst, mit wel­chen Haken und Ösen im Profi-Fuß­ball gespielt wird. Man kommt mit hohen Erwar­tungen und denkt: ​Ach Mensch, das Pro­be­trai­ning war gut. So geht’s ein­fach weiter.“ Aber diese Leis­tung muss täg­lich abge­rufen werden. Man muss gestählt sein, um den Belas­tungen stand­zu­halten.

Wäre ein Stamm­platz in Ihren ersten Jahren bei der Borussia zu früh gekommen?

Ich hatte das Ziel, mich stetig zu ver­bes­sern, und zu Wolf­gang Kleff auf­zu­schließen. Still­stand ist Rück­stand. Wenn man seiner Mei­nung nach auf Augen­höhe ist, dann war ich zwar ein Talent, aber ein­fach noch nicht so weit, wie ich es dann Anfang der 80er geworden bin. Für mich waren das Lehr­jahre.

War früher das Bewusst­sein für das Pri­vileg, Fuß­ball-Profi sein zu können, stärker?

Es war zumin­dest sehr intensiv. Der Klub, die Borussia, hatte ein­fach dieses gewisse Etwas für mich. Mein erstes Trikot mit der Raute auf dem Herzen, das war ein unbe­schreib­li­ches Gefühl. Ich weiß gar nicht, ob ein Spieler heute über den Klub, bei dem er spielt, genauer bescheid weiß. Man bekommt heute immer mehr mit, wie Spie­ler­be­rater ver­han­deln und die Spieler nur noch zur Unter­schrift vor­bei­kommen. Das ist keine Schlecht­ma­lerei, aber die Zeiten haben sich da geän­dert.

Borussia Mön­chen­glad­bach ist die Epi­sode ihres Lebens, der sie wie viel zu ver­danken haben?

Die Borussia ist mein Leben. Nach meinem Kar­riere-Aus hat mir der Verein ermög­licht, im Jugend­be­reich als Trainer zu arbeiten. Spieler wie Kalle Pflipsen waren meine ersten Spröss­linge. Ich bin mit Unter­bre­chungen 21 Jahre hier. Das kann man ja nicht ein­fach aus­wi­schen. Das Borus­sen­blut fließt durch meine Adern, alle was ein Fan mit­macht, mache ich viel­leicht noch inten­siver mit. Das ist eine Her­zens­an­ge­le­gen­heit.

Der Glad­ba­cher Stall bringt in den letzten Jahren end­lich wieder ver­hei­ßungs­volle Fohlen zum Vor­schein.

Man ist auf einem sehr guten Weg, die Eigen­ge­wächse, aber auch die Mischung zwi­schen Jung und Alt, machen Hoff­nung. Ich ziehe den Hut vor jedem Trainer im Jugend­be­reich. Genauso vor denen im Bam­bini-Bereich, wo für die Kleinen die vorbei flie­gende Amsel inter­es­santer ist als der Ball, und der Trainer ihnen die Schuhe noch binden muss. Es gibt nichts Schö­neres, als einen Spieler später im Fern­sehen zu sehen, den man ein Stück auf seinem Weg begleitet hat. Da lacht das Herz, und es ent­schä­digt für vieles.

Ihr Ver­trag als Borus­sias A‑Ju­gend-Trainer läuft 2008 aus. Was folgt?

Im Sommer 2008 haben zwei junge Damen gewonnen, meine Frau und meine Tochter. Wir wohnen in Verl, und meine Tochter wird nächstes Jahr ein­ge­schult. Denn wenn die Frau nicht zum Mann kommen kann, dann muss der Mann eben zur Frau. Ich habe ihr hoch und heilig ver­spro­chen, dass ich nach Hause komme. Es sind dann noch etwa 100 Kilo­meter nach Gold­bach, dort lebt mein Vater, der ist 88. Ich ver­suche immer, einmal in der Woche zu ihm zu fahren. Mich noch mal inten­siver um meinen Vater küm­mern zu können, würde auch den Kreis­lauf der Dank­bar­keit schließen. Er hat noch genau den glei­chen Hof, wo meine Anfänge liegen. Ich will mir später nicht vor­werfen müssen, dass man Dinge, die man im Herzen trägt, nicht umge­setzt hat.

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