Wolf­gang Ove­rath, in den Sieb­zi­gern über­strahlte der Spiel­ma­cher alles. Worauf basierte die beson­dere Stel­lung der ​Zehn“?
Schon in meiner Jugend galt der Zehner als der wich­tigste Spieler der Mann­schaft. Fritz Walter war die größte Zehn, der Spiel­ma­cher schlechthin. Er wurde zum Idol vieler Jugend­li­cher. Wer in Deutsch­land Spiel­ma­cher sein wollte, hat seitdem immer die Zehn gewollt.

Was zeich­nete einen Spiel­ma­cher aus?
Der klas­si­sche Spiel­ma­cher war der abso­lute Mit­tel­punkt des Spiels. Er wollte selbst per­ma­nent den Ball haben. Nur er hat ent­schieden, ob langsam gespielt wurde, ob gewartet werden musste oder ob es mit einem Steil­pass wei­ter­ging.

Das Tempo und den Rhythmus eines Fuß­ball­spiels zu bestimmen – wie lernt man das?
Gar nicht. Der Spiel­ma­cher ist Spiel­ma­cher, weil er als Spiel­ma­cher geboren wurde. Das Gefühl, das Spiel zu ver­zö­gern und den rich­tigen Pass im rich­tigen Moment zu spielen, muss er im Blut haben. Sonst hat er keine Chance, Spiel­ma­cher zu sein.

Wann wussten Sie, dass Sie Spiel­ma­cher sind?
Ich habe schon in der Jugend ver­sucht, immer jeden Ball zu kriegen, so schnell wie mög­lich. Wenn du den Ball hast, kannst du das Spiel bestimmen. Wenn du in der Spitze spielst, bist du hin­gegen immer auf die anderen ange­wiesen.

Borussia Mön­chen­glad­bach gilt als die offen­sivste Bun­des­li­ga­mann­schaft der Sieb­ziger …
Das Spiel der Glad­ba­cher war aber eigent­lich nur auf den Zehner, Günter Netzer, abge­stellt. Hennes Weis­weiler hat in der Öffent­lich­keit immer erzählt: ​Wir sind eine offen­sive Mann­schaft.“ Im Grunde war seine Mann­schaft aber sehr defensiv ein­ge­stellt. Weis­weiler hat sich lauter Spieler geholt, die hinten dicht­machten, wie Luggi Müller, Sieloff oder Hacki Wimmer. Sie haben hinten die Räume zuge­stellt, dann den Ball abge­fangen und zu Netzer gespielt. Eigent­lich hat Glad­bach immerzu auf Konter gewartet. Nur des­wegen haben sie dann so häufig 5, 6 oder 7 zu 1 gewonnen.

Netzer war der Spiel­ma­cher des Euro­pa­meis­ters 1972. Wie haben Sie die Posi­tion zurück­er­obert?
1974 hatte ich die Spiel­ma­cher­rolle wieder, spielte aber schlecht. Ich kam nicht mit dem Druck klar. Die Jour­na­listen schrieben prompt: ​Jetzt muss der Netzer wieder ran!“ Obwohl ich vorher über 70 Län­der­spiele bestritten hatte, durch­lebte ich vor der WM meine schwie­rigste Zeit. Ein Spiel­ma­cher braucht viel Selbst­ver­trauen. Schließ­lich ver­sucht er, das Spiel immer schnell nach vorne zu tragen, auch mit ris­kanten Pässen. Solche Pässe gelingen einem aber nur, wenn man eine breite Brust hat.

Haben Sie in dieser Zeit ernst­haft an Ihren Fähig­keiten gezwei­felt?
Sicher habe ich gezwei­felt. Ich war kein robuster Spieler, kein Bre­cher, der über die Kraft zum Erfolg kam. Ich hatte Phasen, in denen ich als Tech­niker sehr stark gespielt habe, in anderen aber auch sehr schwach. Vor der WM fehlte mir die Sicher­heit in meinem Spiel. Die Ten­denz in der Öffent­lich­keit war ein­deutig: Netzer sollte an meiner Stelle spielen. Je mehr ich das mit­bekam, jedes Bun­des­liga-Wochen­ende damit kon­fron­tiert wurde, desto unsi­cherer wurde ich. Bei den Vor­be­rei­tungs­spielen fehlte Netzer, wurde von Real Madrid nicht frei­ge­stellt. In dieser Phase habe ich kata­stro­phal gespielt. Ich habe sogar über­legt, ob ich die WM absage. Schließ­lich hatte ich vorher schon genug erreicht, war Zweiter und Dritter geworden.

Sie wollten vor der Welt­meis­ter­schaft im eigenen Land wirk­lich abdanken?
Ja, aber dann hat Bun­des­trainer Helmut Schön gesagt: ​Wolf­gang, Du musst kommen.“ Ich bin also hin­ge­fahren nach Malente, die Eisentür der Sport­schule ging hinter mir zu und von da an habe ich kein Fern­sehen mehr geschaut, keine Zei­tungen mehr gelesen. Und im ersten Spiel habe ich alle an die Wand gespielt, als ob ich nie eine schlechte Phase gehabt hätte. Das ging von einer Sekunde auf die andere, plötz­lich war ich wieder Stamm­spieler. Netzer wurde aller­dings, je länger das Tur­nier dau­erte, immer besser. Er über­wand wäh­rend des Tur­niers seine kon­di­tio­nellen Defi­zite, die er aus Spa­nien mit­ge­bracht hatte.

Warum hat er trotzdem nicht gespielt bei dieser WM?
Er hatte keine Chance gegen mich. Seine ein­zige Mög­lich­keit wäre es gewesen, wenn er in den letzten 15 Minuten gegen die DDR einen Frei­stoß rein­ge­hauen hätte. So konnte ich alle mit meiner Leis­tung über­zeugen und stei­gerte mich von Spiel zu Spiel. Ich bin auch gegen die DDR nicht aus­ge­wech­selt worden, son­dern selbst raus­ge­gangen, weil ich mich ver­letzt hatte. Erst hin­terher wurde mir klar: Wenn wir noch gewonnen hätten, wäre die Stim­mung wohl wieder zugunsten Net­zers gekippt.

Einen erbit­terten Zwei­kampf um die expo­nierte Posi­tion gab es aber nicht?
Privat waren wir immer Freunde. Wir haben viel mit­ein­ander tele­fo­niert und uns getroffen, ich habe ihn in seiner Dis­ko­thek besucht. Dann haben wir natür­lich über Fuß­ball gespro­chen, aber auch über Geschäfte und Geld­an­lagen. Bei der WM 1970 war Netzer nicht im Kader und ist privat nach Mexiko geflogen. Er hat sich über die Erfolge riesig mit mir gefreut, war nach dem Uru­guay-Spiel sogar bei mir auf dem Zimmer. Wenn wir in der Bun­des­liga gegen­ein­ander spielten, ging es aber trotzdem hart zur Sache. Er hat vorher den kleinen Berti Vogts heiß gemacht, und ich habe zu Heinz Simmet gesagt: ​Pack dir den Netzer mal!“

Was waren die beson­deren Qua­li­täten Ihres Freundes?
Er war kein über­ra­gender Tech­niker, aber als Per­sön­lich­keit außer­ge­wöhn­lich. Netzer war ein Regis­seur, hat die Bälle gefor­dert, konnte den Ball abde­cken, groß­ar­tige Pässe spielen. Wenn der lange Kerl ins Laufen kam, konnte er sehr gefähr­lich werden. Seine Stärke war, dass er geniale Züge im Kopf hatte: dass er ein Spiel­ma­cher war.

Gab es eine Fähig­keit, die Sie gerne von ihm gehabt hätten?
Kopf­ball­spielen konnte er genauso wenig wie ich. Er hat aller­dings einige tolle Frei­stöße geschossen. Das war eher nicht mein Spe­zi­al­ge­biet. Wir waren unter­schied­lich, in unserer Art zu spielen, aber die ein­zigen beiden Spiel­ma­cher in Deutsch­land. Ich war mit meinen kurzen Bewe­gungen sehr schnell, tech­nisch sehr stark, Netzer war jemand, der auf der Strecke kaum zu halten war, wenn der lange Pass kam. Er brauchte auf­grund seiner Größe und seiner Schritte etwas mehr Platz als ich.

Woran schei­terte das Expe­ri­ment mit zwei Spiel­ma­chern letzt­lich?
Es war des­halb so schwierig, weil wir beide immer jeden Ball haben wollten. Wer in der Abwehr den Ball kon­trol­lierte, hat uns immer gleich­zeitig schreien gehört. Wir waren schon zwei extrem ver­an­lagte Typen. Wahr­schein­lich hätte es des­halb nicht funk­tio­niert: Einer wäre immer Zweiter gewesen.

Wann hat der Bun­des­trainer kon­kret erwogen, dass Sie als Dop­pel­zehn auf­laufen?
Schön wollte es vor der EM-End­runde 1972 noch einmal ver­su­chen. Wir weilten zu einem Lehr­gang in der Sport­schule Schöneck, um die neue For­ma­tion ein­zu­stu­dieren. Ich war nach der sehr guten WM in Mexiko gesetzt, Netzer hatte sich mit starken Leis­tungen auf­ge­drängt. Inter­es­sant aber aus heu­tiger Sicht: Die Bedeu­tung einer EM war, ver­gli­chen mit einer WM, total gering. Ich saß damals in Schöneck und erlitt einen kleinen Leis­ten­bruch. Da habe ich gedacht: ​Mensch, ver­zichte auf die Euro­pa­meis­ter­schaft, die ist eh nicht so wichtig.“ Die WM zwei Jahre später schien mir unend­lich bedeu­tender.

Wie hätten Sie sich denn neben­ein­ander auf dem Platz bewegen sollen?
Wir sollten beide im Mit­tel­feld spielen und uns gegen­seitig ergänzen, wir sollten ver­su­chen, das Spiel mit­ein­ander zu machen. Der Bun­des­trainer hätte es wirk­lich mit Netzer und Ove­rath ver­sucht, aber dann habe ich mir lieber den Leis­ten­bruch ope­rieren lassen. Viel­leicht wäre es auch nur ein Expe­ri­ment für ein Spiel geworden. Das alte Pro­blem blieb ja unver­än­dert bestehen: Wir waren so domi­nant in unseren Ver­einen, keiner wollte sich unter­ordnen. Wir haben nach der Kar­riere auch mal in Frei­zeit­mann­schaften zusam­men­ge­spielt. Und selbst dort wollte jeder von uns immer den Ball haben.

Wie wirkte es sich aus, dass Netzer außer­halb des Platzes gla­mou­röser auf­trat als Sie?
Dass er als Heino-Imi­tator im Fern­sehen auf­ge­treten ist, war damals noch etwas Beson­deres. Die öffent­liche Dis­kus­sion um uns beide hat es nicht beein­flusst. In meiner aktiven Zeit war das Fuß­ball­pu­blikum noch ganz anders. Das war kein Event, da war man viel kri­ti­scher. Und nach dem dritten Fehl­pass wurde gepfiffen! Das war noch ein richtig harter Exis­tenz­kampf. Wenn es bei unserer Mann­schaft heute mal nicht so gut läuft und wir machen in der 88. Minute das 1:0, ist die Welt sofort wieder in Ord­nung. Früher gingen wirk­lich nur die hin, die auch selbst Fuß­ball gespielt hatten. Des­wegen waren die Sta­dien auch relativ leer.

Wie haben die anderen Natio­nal­spieler auf den Zwei­kampf im Mit­tel­feld reagiert?
Wir wohnten vor der WM 1974 in Malente, ich hatte meine schwie­rige Phase und wir saßen in der Sauna. Netzer war der abso­lute Favorit in den Medien, durch seine tolle EM und meine schlechte Form. Da gab es dann aber einige Spieler, die in der Schwitz­stube zu mir sagten: ​Wolf­gang, ich renne für dich genauso wie für den Günter Netzer.“ Das fand ich toll. Es war klar, dass sich nie­mand öffent­lich äußerte oder gar Stel­lung für einen von uns bezog. Es war aber für die ganze Mann­schaft auch viel ein­fa­cher, weil wir beide keinen Streit mit­ein­ander hatten. Wenn wir nicht mit­ein­ander geredet oder gar gestritten hätten, hätte das die Gemein­schaft natür­lich belastet.

Warum war Helmut Schön so ein genialer Trainer für diese Zeit?
Ich habe ja auch noch ein paar Län­der­spiele unter dem strengen Sepp Her­berger gemacht, aber die Sieb­ziger waren eine ganz andere Zeit. Helmut Schön hat die lange Leine aus­ge­legt, war im Umgang mit den Füh­rungs­spie­lern sehr geschickt. Er hat dich zwar immer gefragt, was du von seiner Idee hältst. Die end­gül­tige Ent­schei­dung hat aber immer er alleine getroffen. Es stimmt ein­fach nicht, dass er das gemacht hat, was Franz Becken­bauer sagte. Er hat mit allen wich­tigen Spie­lern gespro­chen und wir waren regel­mäßig über­rascht, was er dann letzt­lich in der Mann­schafts­sit­zung als Ent­schei­dung mit­teilte. Er war ein großer Trainer, hatte ein großes Wissen über Taktik. Das lag nicht zuletzt daran, dass er selbst ein großer Fuß­baller gewesen war.

Ihr letzter Klub­trainer, Hennes Weis­weiler, hatte hin­gegen immer Pro­bleme mit den Spiel­ma­chern…
Er war einer der größten Trainer, die es je in Deutsch­land gab, aber er bevor­zugte Cha­rak­tere, die ihm bedin­gungslos folgten. Netzer, Cruyff und Ove­rath wollten aber auch mal ihre Gedanken ein­bringen. Des­halb hat er mit diesen starken Typen immer Pro­bleme gehabt. Er wollte keinen über­ra­genden Spieler aus dem Gefüge her­aus­heben. Ihm war es lieber, wenn alle relativ gleich gut waren. Ich habe beim 1. FC Köln immer ver­sucht, mit ihm dar­über zu spre­chen, aber das hatte irgend­wann keinen Zweck mehr. In der Phase habe ich auch ständig mit Günter dar­über tele­fo­niert. Der kannte die Pro­ble­matik schon aus Mön­chen­glad­bach – wusste aber auch keine Lösung.

Sie hätten sich viel­leicht ein­fach mal selbst ein­wech­seln müssen, wie Netzer.
Das war gar nicht nötig. Die Gele­gen­heit hat sich nie ergeben, weil ich immer gespielt habe. Den Mut, mich raus­zu­lassen, hat Weis­weiler dann doch nicht gehabt. Ich war viel­leicht mal ver­letzt, aber ich habe bei ihm nie auf der Bank gesessen. Das war der Unter­schied zu Netzer.

Warum haben Sie später eigent­lich nicht in der ame­ri­ka­ni­schen Pro­fi­liga gespielt?
Ich hätte wäh­rend meiner Lauf­bahn überall hin wech­seln können. Die letzte Offerte kam aber tat­säch­lich aus den USA, wo zu dem Zeit­punkt bereits Franz Becken­bauer und Pelé spielten. Ich war 33 Jahre alt und hatte gerade wegen Weis­weiler auf­ge­hört. Prä­si­dent Peter Weiand bot mir noch einen Drei-Jahres-Ver­trag an, aber ich wollte nicht mehr. Dann kam das Angebot aus der National Soccer League, von den Chi­cago Stings. Es war äußerst lukrativ. Dort hätte ich in drei Jahren soviel ver­dienen können wie zuvor in 13 Jahren Bun­des­liga zusammen.

Warum sind Sie trotzdem nicht in die USA gewech­selt?
Die Unter­händler des Klubs waren fünfmal bei mir zu Hause. Der Boss der Stings hieß Lee Stern, war Chef der Waren­ter­min­börse. Meine Frau hat aber immer gesagt: ​Du kannst gehen – ich bleibe hier.“ Es war also eine Ent­schei­dung für oder gegen die Familie und des­wegen bin ich geblieben.