Rudi Völler, Sie wirkten in drei WM-Finals mit. Klären Sie uns auf: Wie wird ein Team Welt­meister?
Grund­vor­aus­set­zung ist die Qua­lität der Spieler. Die muss her­aus­ra­gend sein. Natür­lich gibt es immer mal Son­der­fälle wie 2004 die Grie­chen, die mit einer sen­sa­tio­nellen tak­ti­schen Grund­aus­rich­tung Euro­pa­meister wurden. Da wusste jeder, dass es bes­sere Mann­schaften gibt. Aber 1990 waren wir ein­fach sehr gut.

Und wurden ver­dient Welt­meister.
Wir waren ein guter Jahr­gang. Brehme, Buch­wald, Litt­barski, Mat­thäus und ich – wir sind alle 1960 oder 1961 geboren, über Jahre gemeinsam gereift und gewachsen.

Berti Vogts hat gesagt, die 74er-WM-Elf hätte wäh­rend des Tur­niers nie einen Zweifel gehabt, dass sie am Ende den Titel holen. Wie war das bei den Welt­meis­tern von 1990?
Naja, ob das wirk­lich so war? Ein biss­chen Legen­den­bil­dung gehört in der Rück­schau eben dazu. Aber auch wir waren selbst­be­wusst. Schließ­lich gelang uns schon zum Auf­takt gegen Jugo­sla­wien unser bestes Spiel. Franz Becken­bauer hatte uns akri­bisch mit Video­ana­lysen vor­be­reitet. Jugo­sla­wien war eine Super­mann­schaft, vor der wir Respekt hatten. Der 4:1‑Sieg setzte dann eine Euphorie frei, die uns durch die gesamte WM trug.

Daran änderte auch das Auf­ein­an­der­treffen mit Angst­gegner Hol­land im Ach­tel­fi­nale nichts?
Zuge­geben, damit hatten wir nicht gerechnet. Ich will nicht sagen, dass wir Angst hatten, aber es war zwei­fels­frei ein 50:50-Spiel. Uns war klar, dass es uns erwi­schen kann. Den­noch waren wir opti­mis­tisch, denn die Hol­länder hatten eine schlechte Vor­runde gespielt und waren nur als bester Grup­pen­dritter wei­ter­ge­kommen.

Das Spiel gegen Hol­land wurde bestimmt durch die auf­ge­heizte Atmo­sphäre.
Die Riva­lität zwi­schen unseren beiden Teams war auf dem Sie­de­punkt. Bei der EM 1988 gab es einige unschöne Szenen …

… Libero Ronald Koeman wischte sich mit dem Deutsch­land­trikot den Hin­tern ab …
… und auch Tor­wart Hans van Breu­kelen ver­hielt sich oft etwas grenz­wertig, aber sowas kommt bei Tor­hü­tern ja öfter vor.

Die Aus­ein­an­der­set­zung gip­felte in der Spuck-Attacke von Frank Rij­kaard auf Sie.
Ich kannte Rij­kaard sehr gut. Wir hatten oft gegen­ein­ander gespielt, und ich emp­fand es als Kom­pli­ment, dass er bei Län­der­spielen immer gegen mich als Innen­ver­tei­diger auf­ge­stellt wurde, obwohl er beim AC Mai­land im Mit­tel­feld spielte. Hol­land fehlte hinten wohl die Alter­na­tive. Eigent­lich hatten wir ein gutes Ver­hältnis, es gab vorher im Spiel auch keinen Disput, des­halb habe ich über­haupt nicht ver­standen, was plötz­lich mit ihm los war. Viel­leicht lag es daran, dass er kurz zuvor eine Gelbe Karte bekommen hatte und im Vier­tel­fi­nale gesperrt war. Wie auch immer, dann hat er mich ange­spuckt.

Keine schöne Geste.
Sicher nicht, aber zu ver­kraften. Was für mich in dieser Situa­tion viel, viel schlimmer wog, war die Tat­sache, dass ich vom Platz gestellt wurde. Dra­ma­tisch. Es bleibt wohl auf immer das Geheimnis des argen­ti­ni­schen Schieds­rich­ters, warum er mir Rot zeigte. Diese Ent­schei­dung hat er mit ins Grab genommen. Ich habe näm­lich gelesen, dass er vor kurzem gestorben ist. Wahr­schein­lich hat er sich bloß gedacht, dass es ruhiger wird, wenn er uns beide runter stellt. War ja auch so.

Der Kon­flikt soll im Spie­ler­tunnel eska­liert sein.
Es gab eine Ran­gelei, die aber schnell vorbei war, weil ein Betreuer von uns und einer von Hol­land uns mit Hilfe einiger FIFA-Bediens­teter trennten.

War Frank Rij­kaard Ihr unan­ge­nehmster Gegen­spieler bei einer WM?
Ach was, das war wohl eher Karl-Heinz Förster. Bei dem musste man selbst im Trai­ning zusehen, dass er nicht im geg­ne­ri­schen Team spielte.

Mussten Sie an Ihren Platz­ver­weis denken, als Michael Bal­lack im Halb­fi­nale 2002 gegen Süd­korea für ein tak­ti­sches Foul die Gelbe Karte bekam und dar­aufhin fürs End­spiel gesperrt wurde?
Das lässt sich nicht ver­glei­chen. Für mich war es schlimm, aber nach dem Sieg gegen Hol­land konnte ich nach vorne schauen. Sicher, die Sperre von einem Spiel hat mich im Tur­nier etwas aus dem Rhythmus gebracht, aber ich wusste auch, dass es für mich bei der WM noch eine Zukunft gibt. Was Michael pas­sierte, war viel tra­gi­scher, denn er opferte für die Mann­schaft die Teil­nahme an einem WM-End­spiel. Und es zeichnet ihn als Men­schen aus, dass er so etwas ganz bewusst getan hat. Er spielte weiter in dem Wissen, nicht mehr im Finale auf­zu­laufen – und schoss vier Minuten später noch das 1:0 für uns. Das müssen Sie sich mal vor­stellen.

In wel­cher Ver­fas­sung trafen Sie Bal­lack nach dem Spiel an?
Er war sehr nie­der­ge­schlagen. Na klar. Auch für mich war es eine unan­ge­nehme Situa­tion: Alle waren eupho­ri­siert, weil wir es ins Finale geschafft hatten. Und aus­ge­rechnet der­je­nige, der einen wesent­li­chen Teil dazu bei­getragen hatte, war am Boden zer­stört. Natür­lich sind da Tränen geflossen. Aber so ist der Sport.

Wie groß ist der Druck auf die han­delnden Per­sonen bei einer WM? Viele haben Jürgen Klins­mann 2006 geraten, nicht im Eröff­nungs­spiel anzu­treten, weil die ganze Welt auf dieses Match schaut.
Der Druck in einer WM-Vor­runde ist noch ver­gleichs­weise moderat. Da kann man schlimms­ten­falls auch mal ein Spiel ver­lieren. Wissen Sie, wann ich den extremsten Druck in meiner gesamten Kar­riere als Spieler und Trainer emp­funden habe? In den beiden Rele­ga­ti­ons­spielen gegen die Ukraine im November 2001, als ich Team­chef der Natio­nal­mann­schaft war. Nach dieser Erfah­rung kann mich im Fuß­ball nichts mehr scho­cken.

Können Sie das beschreiben?
Stellen Sie sich vor, Sie spielen als Fuß­ball­macht Deutsch­land um die WM-Teil­nahme – ein Land, das in der gesamten WM-Geschichte, wenn es in der Qua­li­fi­ka­tion dabei war, immer min­des­tens ins Vier­tel­fi­nale gekommen ist. Zwei Spiele, in denen es darum geht, ob Sie dahin fahren dürfen oder nicht. Dieser Druck ist nicht zu toppen. Schauen Sie sich nur an, wie Diego Mara­dona nach der geschafften Qua­li­fi­ka­tion gefeiert hat. So würde der sich nicht freuen, wenn Argen­ti­nien jetzt den Titel holt. Das Schlimmste ist nicht, bei einer WM aus­zu­scheiden, son­dern als große Nation über­haupt nicht dabei zu sein.

Was haben Sie der Mann­schaft vor den Rele­ga­ti­ons­spielen gesagt?
In sol­chen Momenten geht es nicht mehr darum, die Spieler zu moti­vieren, son­dern eher darum, Druck aus der Sache heraus zu nehmen. Sonst treffen die keinen Ball mehr. Durch Gespräche ver­sucht man, den Spie­lern die Angst zu nehmen. Indem man trotz des Drucks, der auf einem selbst lastet, sagt: ​Jungs, es ist nur ein Fuß­ball­spiel.“

So ein­fach?
Natür­lich habe ich mehr gesagt, aber es würde zu weit führen, Ihnen das jetzt aus­zu­führen. Nur so viel: Es waren vier tolle Jahre als Ver­ant­wort­li­cher der Natio­nal­mann­schaft. Selbst die EM mit dem etwas unglück­li­chen Aus­scheiden war schön. Aber die zehn Tage mit der Mann­schaft um die beiden Spiele gegen die Ukraine herum –
das war unmensch­lich.

Was ist eigent­lich das Geheimnis der Tur­nier­mann­schaft Deutsch­land?
Sie können sich gar nicht vor­stellen, wie kom­pli­ziert es ist, sieben Wochen in einer Gruppe zusammen zu sein. Da gibt es immer Rei­be­reien. Am Anfang an einem guten Tag auch mal gegen einen Favo­riten zu gewinnen, ist eine Sache. Aber über ein gesamtes Tur­nier den Zusam­men­halt und das gute Gefühl auf­recht zu erhalten, ist sehr schwierig. Und das ist selt­sa­mer­weise eine Stärke deut­scher Mann­schaften.

Dabei kommen doch bei jeder WM wieder andere Cha­rak­tere zusammen.
Wichtig ist auch, dass keiner aus dem Kader auf den Gedanken kommt, das Tur­nier möge mög­lichst bald vorbei sein. So wie bei der Bun­des­wehr, wo man nur daran denkt, wann man end­lich nach Hause kann. Deut­sche Spieler haben diese Geduld und sind in der Lage, es im Inter­esse der Sache gemeinsam aus­zu­halten.

Liegt das daran, dass sich deut­sche Spieler durch ihre Erzie­hung eher als Team­player ver­stehen?
Mag sein, aber dafür gibt es viele Erklä­rungen. Fakt ist: Wir können lang­an­hal­tend auf ein Ziel hin­ar­beiten. Es gibt afri­ka­ni­sche Teams, die sind in bestimmten Momenten zu her­aus­ra­genden Leis­tungen fähig, und von einem Tag auf den anderen läuft bei denen gar nichts mehr.

Dabei war auch Ihre Spie­ler­ge­nera­tion geprägt von extro­ver­tierten Cha­rak­teren. Typen wie Lothar Mat­thäus, die sogar am Münz­fern­spre­cher den Boss gespielt haben sollen.
Das war in der Sport­schule Hennef irgend­wann Mitte der Acht­ziger. Dort gab es damals noch kein Telefon auf dem Zimmer, nur einen Fern­spre­cher in der Lobby. Lothar war nun mal unser Top-Tele­fo­nierer, und so war es sehr schwer, von dort mal einen kurzen Anruf zu tätigen. Die Eta­blierten ließ er zwi­schen­durch schon mal an den Hörer, aber Nach­wuchs­spie­lern blieb nichts anderes übrig, als Rauch­zei­chen an die Freun­dinnen zu senden.

Bei der Natio­nal­mann­schaft schien Mat­thäus zumin­dest in der Becken­bauer-Ära der unum­schränkte Chef zu sein.
Der Zusam­men­halt unter uns Welt­meis­tern ist bis heute sehr gut. Aber ich muss zugeben, dass es bei der WM 1986 im Team durchaus noch eine aus­ge­prägte Grup­pen­bil­dung gab: Die Bayern blieben unter sich, die Kölner auch. Des­halb war die Vize­welt­meis­ter­schaft der abso­lute Wahn­sinn. 1990 war das anders, da gab es keine Gruppen, und es lief wirk­lich absolut har­mo­nisch ab.

Sie gehörten 1986 zu der Außen­seiter-Gruppe, die nach dem gewon­nenen Halb­fi­nale gegen Frank­reich in Mexi­kaner-Kos­tümen eine legen­däre Party gefeiert hat.
Richtig, ich als Bremer war mit dem Frank­furter Thomas Bert­hold auf einem Zimmer. Es gab eine Durch­gangstür zum Nach­bar­zimmer, in dem der Ham­burger Felix Magath mit dem Uer­dinger Mat­thias Herget wohnte. So waren wir Vier ohnehin relativ oft zusammen. An diesem Abend kam dann auch noch der Glad­ba­cher Uwe Rahn dazu.

Hat es auch 1990 eine Party vor dem Finale gegeben?
Nicht in dieser Form, aber ich erin­nere mich, dass wir uns am Tag vor unserem Halb­fi­nale gegen Eng­land in Mai­land in der Hotelbar mit der Mann­schaft trafen. Ita­lien war gerade gegen Argen­ti­nien aus­ge­schieden, und wir tranken ein, zwei Bier auf dieses Ereignis.

Warum?
Weil uns in diesem Moment klar war: Wenn wir gegen Eng­land gewinnen, werden wir Welt­meister.

Wie gelangten Sie zu dieser Erkenntnis?
Gegen Argen­ti­nien konnten wir nicht ver­lieren. Das meine ich nicht über­heb­lich, aber die waren in jedem Spiel des Tur­niers 1990 die schwä­chere Mann­schaft. Mal ehr­lich: Das Finale kann man sich heute doch gar nicht mehr ansehen. Argen­ti­nien hatte in 90 Minuten nicht eine ein­zige Tor­chance. Ich bin mir fast sicher, dass Bodo Ill­gner nach dem Finale nicht geduscht hat. Der hat sich nicht einmal hin­werfen müssen.

Und Sie gewinnen den­noch nur durch einen zwei­fel­haften Elf­meter für ein Foul an Ihnen.
Naja, die Ent­schei­dung für den Straf­stoß war die Kon­se­quenz aus einer Summe von nicht gege­benen Elf­me­tern. Irgend­wann hatte der Schiri die Schnauze voll und hat auf den Punkt gezeigt. Auch wenn ich zugeben muss, dass es von den vielen Situa­tionen die­je­nige war, die am wenigsten elf­me­ter­reif war.

Rudi Völler, gibt es etwas ganz Kon­kretes, das sich in Ihrem Leben ver­än­dert hat, seit Sie Welt­meister sind?
Der Titel. Seitdem wird im Zusam­men­hang mit meinem Namen immer dieser Zusatz ver­wendet: ​Welt­meister“ bleibt man eben immer.

Ein großes Glück.
Auf jeden Fall, denn es ist für das Errei­chen dieses Titels auch wichtig, dass man der rich­tigen Gene­ra­tion ange­hört und den rich­tigen Rei­se­pass hat. Es gibt viele Spieler, die zur Welt­klasse zählen, aber nie Welt­meister werden, weil ihr Natio­nal­team ins­ge­samt zu schwach ist. Zlatan Ibra­hi­movic wird wohl nie Welt­meister werden, auch wenn er zu den besten Stür­mern seiner Zeit gehört.

Wann setzte nach dem gewon­nenen Finale bei Ihnen das Gefühl ein, dass Sie nun Welt­meister sind? So wie es bei Franz Becken­bauer 1990 noch auf dem Rasen des Sta­dions ins Rom der Fall war.
Ich kann heute ver­stehen, wie Franz damals zumute war, weil ich es 2002 auch erlebt habe. Der Druck für den Trainer ist viel höher als für einen Spieler. Da fiel alles von ihm ab. Als Aktiver muss man sich um nichts küm­mern, beim Tur­nier in Ita­lien kam ich aus dem Feiern gar nicht mehr raus. Als Team­chef aber ist man für das große Ganze ver­ant­wort­lich –
das ist viel belas­tender.

Andreas Brehme soll nach dem Finale 1990 gesagt haben: ​Jetzt fahre ich erstmal nach Ham­burg und gehe mit meinen Freunden in der Oster­straße in Eims­büttel zum Grie­chen.“ Wel­ches Ritual wählten Sie?
Nichts Erwäh­nens­wertes. Ich hatte schon wieder die nächste Saison im Kopf, die sechs Wochen später anfing. Es ist schließ­lich nicht so, dass der Gegen­spieler im ersten Liga­spiel nicht mehr angreift, nur weil man plötz­lich Welt­meister ist.