Dieser Text ist erstmals in 11FREUNDE #222 erschienen, in der Protagonisten von der Kraft des Fußballs erzählen. Das Heft ist hier bei uns im Shop erhältlich.
Im Jahr 2002 war ich Manager bei Alemannia Aachen und Jörg Berger der Trainer einer Mannschaft, die damals gute Chancen hatte, in die Bundesliga aufzusteigen. Anfang November standen wir jedenfalls in der Nähe der Aufstiegsplätze und spielten an einem Freitagabend gegen Union Berlin. Zur Pause führten wir bereits mit 2:0 und kurz nach Beginn der zweiten Halbzeit fiel das 3:0. Letztlich lief alles auf einen ungefährdeten Sieg zu, als Berger sich kurz vor Schluss zu mir umdrehte: „Jörg, ich muss dir mal was sagen. Ich habe mich testen lassen: Sie haben festgestellt, dass ich Krebs habe.“
Ich dachte, ich hätte mich verhört: „Hä, was?“ Aber so war er halt, eher lakonisch. Die Anspannung vom Spiel war weg, also dachte er, es sei eine gute Gelegenheit, das mal eben loszuwerden. Nach dem Spiel haben wir uns dann lange darüber unterhalten, was jetzt das Beste für ihn ist und wie wir als Klub damit umgehen sollen. Drei Tage später machte er bekannt, dass er Darmkrebs habe und sich operieren lassen und einer Therapie unterziehen werde.
Für den Alten ziehen wir das jetzt durch
Wir haben ihn natürlich unterstützt, auch indem wir ihn zwei Monate später mit ins Wintertrainingslager in der Türkei nahmen. Es war ihm auch wichtig, dass er wieder eine Aufgabe hatte. Er konnte zwar nur einmal am Tag mit auf den Platz, weil er durch die Chemotherapie noch geschwächt war. Aber es war wichtig, dass er einfach nur da war. Für ihn, aber auch für uns. Sein Co-Trainer Frank Engel hatte die Arbeit übernommen, und die Mannschaft, die anfangs richtig geschockt war, hat sich dann so nach dem Motto zusammengerauft: Für den Alten ziehen wir das jetzt durch. Die Spieler haben in der Zeit natürlich auch mal über ein paar andere Dinge geredet in der Kabine. Wie es halt so ist: Ist man im Hamsterrad, schaut man, dass es irgendwie weiterläuft. Wenn man dann mit so etwas Existentiellem konfrontiert wird, relativieren sich die Dinge schnell.
Das ist ja eine Situation, wie wir sie gerade auch haben. Im Fußball haben wir eine Gemeinschaft, die meistens eigentlich keine ist, weil wir letztlich alle miteinander konkurrieren, und das nicht selten mit harten Bandagen. Aber als Jörg Berger erkrankt war und öffentlich machte, dass er Krebs hat, war es unglaublich, wie viele Leute sich bei ihm gemeldet haben, ihm Mut zugesprochen und auch ganz praktisch Hilfe angeboten haben. Wenn du dies brauchst, melde dich. Wenn ich dir mit einem Arzt weiterhelfen kann, sag Bescheid. Wenn du jemanden zum Sprechen brauchst, jederzeit. Solche Rückmeldungen kamen von wirklich sehr vielen Leuten, von gegnerischen Trainern, Managern, seinen ehemaligen Spielern, von allen Seiten. Da war ich schon baff und habe gedacht: Ganz viele Menschen haben letztlich doch einen guten Kern.
Ich fand es extrem bewegend, wie sehr diese heterogene Gemeinschaft zusammengehalten hat und zur Solidargemeinschaft geworden ist. Die Gesunden haben auf den Kranken aufgepasst, die Starken auf den Schwachen, und das ist sicherlich auch etwas, das heute zählen sollte.