Mannheims Spieler mussten sich auf das Schlimmste gefasst machen. Über 90 Minuten hatten sie sich in Osnabrück herspielen lassen, waren mit 0:5 unter die Räder gekommen. Und nun riefen die mitgereisten Fans zum Rapport am Zaun. Es ging schonungslos zu, doch wüste Beschimpfungen schienen auszubleiben. Stattdessen wirkte der Anhang irgendwie fassungslos. Und der Trainer? Irgendwie ratlos. „Wir müssen erstmal kleinere Brötchen backen“, sagte Christian Neidhart bei „Magenta Sport“. Es gebe zwar nichts zu beschönigen, doch habe es letztlich ja auch nur am richtigen Zweikampfverhalten gemangelt.
Eine steile These. Immerhin stellte die Schmach von Osnabrück bereits die zweite derbe Klatsche der noch jungen Saison dar. Schon aus Meppen hatte der SVW im August ein 2:6 mitgebracht. Es könnte also auch sein, dass es beim Waldhof nicht nur um die Zweikämpfe, sondern vielmehr um grundsätzliche Fragen geht. Zum Beispiel: Wie soll es weitergehen bei einem selbsternannten Aufstiegskandidaten, der sich auswärts derartig versohlen lässt? Zumal Mannheim vor dem Spiel in Osnabrück auch noch gegen Regionalligist Astoria Walldorf aus dem Landespokal geflogen war.
Ohne Beetz nichts los
Vielen Fans dürfte die obige Frage kein Kopfzerbrechen bereiten. Ihre Antwort: Hauptsache, es geht ohne Sportchef Tim Schork, gerne auch ohne Trainer Neidhart weiter. Doch mischt in Mannheim eben noch ein weiterer Name mit, der im Zweifel am längeren Hebel sitzt: Bernd Beetz. Und der Vereinspräsident stärkte dem in Missgunst geratenen Duo jüngst den Rücken.
Es gibt Argumente für das Festhalten an Manager und Trainer. Zuvorderst: die Tabelle. Dort ist die aufkeimende Unruhe noch nicht ins Debakel ausgeartet – Platz acht. Ein Umstand, der vor allem der Heimstärke zu verdanken ist. Im Carl-Benz-Stadion hat der SVW noch nicht einen Zähler abgegeben. Sicher, es waren enge Spiele, doch bleibt die Serie eine beeindruckende. Nur stehen den stabilen Heimauftritten die blamablen Darbietungen in der Fremde gegenüber. Letzter Platz in der Auswärtstabelle. Es zeigt sich also, dass auch die missmutigen Fans ihre Argumente haben.
Um ihre Zweifel an der Kompetenz der Verantwortlichen zu verstehen, reicht allerdings kein schneller Verweis auf zwei hohe Niederlagen. Dafür braucht es einen Rückblick auf den Januar dieses Jahres. Damals schob Kaderplaner Schork in die vorderste Reihe, weil sich der Verein kurz zuvor von Jochen Kientz getrennt hatte. Es ging um eine Geburtstagsparty des geschassten Sportlichen Leiters, einen darauffolgenden Corona-Ausbruch sowie interne Scharmützel mit Geschäftsführer Markus Kompp, einem weiteren starken wie umstrittenen Mann beim SVW. Worum es weniger ging: das Sportliche. Letzteres ist in Mannheim jedoch mit großen Ambitionen verbunden, wodurch es für Tim Schork schnell haarig wurde.
Sie wollen doch nur flirten
Die Vereinsspitze, personifiziert durch Mäzen und Präsident Beetz, macht nämlich keinen Hehl daraus, dass sie den SVW in der zweiten Liga sieht – und das durchaus schon nach Ablauf dieser Saison. Schork musste und wollte den Kader im Sommer entsprechend in Schuss bringen. Es gingen mehrere verdiente Spieler wie etwa Jesper Verlaat, Joseph Boyamba (beide 1860) oder Anton Donkor (Braunschweig). Es ging auch Trainer Patrick Glöckner. Dafür kamen Berkan Taz (Dortmund II), Bentley Baxter Bahn (Rostock) und Johannes Dörfler (Paderborn). Dafür kam auch Christian Neidhart.
Die Neuen galten keinesfalls als Ramschware. Doch hatten sie von Beginn an zweierlei Probleme: Zum einen werden sie vorrangig am großen Ziel – dem Aufstieg – gemessen, zum anderen sind sie keine Verpflichtungen Jochen Kientz‘. Schnell heißt es: Mensch, wäre der Kientz doch noch hier.