Die meisten Web-Seiten von Fuß­bal­lern sind eher simpel gehalten. Kurz­bio­grafie, Erfolge, Bil­der­ga­lerie, Gäs­te­buch, Cha­rity – fertig. Bei Ales­sandro Del Piero ist das auf den ersten Blick nicht anders, wenn­gleich sofort auf­fällt, dass man es hier offen­kundig mit einem Welt­star zu tun hat, so pro­mi­nent wirbt ein Sport­ar­ti­kel­her­steller auf der Seite, so aktuell sind die Inhalte und so minu­tiös wird berichtet. Gespielte Minuten: 50 678, Spiele: 736, Tore: 308, Tor­schüt­zen­ka­nonen: 4, Titel: 20.

178 Tore schoss er dabei allein für seine Herz­dame Juve. Ein Rekord für die Ewig­keit. Und eigent­lich hat er in seiner Kar­riere weitaus öfter getroffen als die im Daten­netz ange­zeigten 308 Male. Denn die Tore in der Natio­nal­mann­schaft zählt Del Piero nicht mit in seinem Leis­tungs­tacho. 27 für die A‑Nationalmannschaft, 3 für das U 21-Team kommen noch hinzu. Und eigent­lich noch dieses eine, das erste als Profi, mit dem alles begonnen hat als gerade 18-Jäh­riger, am 22. November 1992, dieses 5:0 gegen Ternana in der Serie B, für Padua, dieses Tor, das heute fast ein biss­chen pein­lich ist, weil er es nicht für Juve geschossen hat und nicht für die Natio­nal­mann­schaft. Alle anderen schon.

Ein Leben in elf Kapi­teln

Auf den zweiten Blick ist Ales­sandro Del Pieros Home­page sehr viel anders, zumin­dest seine Bio­grafie. Da geht es nicht im Schnell­durch­lauf durch die Kar­rie­re­sta­tionen, da wird erzählt, und zwar aus­führ­lich. In satte elf Kapitel ist sein bis­he­riges Leben geglie­dert, und die fangen zwar nicht ganz dort an, wo nach Günter Grass jede gute Erzäh­lung anfangen muss, näm­lich bei der Groß­mutter, immerhin aber bei den Eltern – und in Ven­de­miano.: »Was ich war. Was ich bin. Was ich morgen sein werde. Meine Wur­zeln erzählen alles über mich. Ich habe die ganze Welt bereist, aber jedes Mal, wenn ich meine Geschichte erzählen muss, fange ich dort an. Mit meinen Eltern, meinem Bruder, unserem Haus in San Ven­de­miano (mit einem m, ich habe es oft falsch geschrieben gesehen).«

Auch wenn man nicht unbe­dingt davon aus­gehen muss, dass Del Piero diese Zeilen mit dem Feder­kiel bei Ker­zen­licht selber geschrieben hat, zeugen sie doch von einem Fuß­ball­spieler, der ein biss­chen anders ist, wohl­tuend anders, ruhiger, reflek­tierter, zurück­hal­tender als viele seiner Kol­legen, spe­ziell jene, die mit ähn­li­chem Talent aus­ge­stattet sind wie er.

Von San Ven­de­miano zur Zona Del Piero

Mit diesem Talent hat er es weit gebracht. Von San Ven­de­miano die 77 Kilo­meter nach Padua. Und von dort zu sieben ita­lie­ni­schen Meis­ter­schaften (von denen die letzten beiden aller­dings wieder aberkannt wurden), einem Pokal­sieg, dem Cham­pions-League-Titel (bei drei wei­teren Final­teil­nahmen), dem Welt­pokal. Vize­eu­ro­pa­meister ist er 2000 geworden und 2006, natür­lich, Welt­meister. Man denkt hier­zu­lande nicht so gerne daran, aber es war Del Piero, der die Deut­schen im Halb­fi­nale end­gültig ver­senkte mit seinem Tor zum 2:0, das ein ohnehin unwahr­schein­li­ches deut­sches Auf­bäumen im Keim erstickte.

Er hat dieses Tor von halb­links gemacht, mit rechts schlenzte er den Ball von dort in den Winkel – ein typi­sches Tor der hän­genden Spitze, die am liebsten von halb­links abzieht, gerne auch von außer­halb des Straf­raums, aus der »Zona Del Piero«, wie die Ita­liener, vor allem in Turin, des­wegen diesen Teil des Feldes nennen. In Turin wird er wie ein Hei­liger ver­ehrt, ein biss­chen einer ist er sogar, seitdem er beim Zwangs­ab­stieg 2006 ver­kün­dete: »Ein Kava­lier ver­lässt seine Dame nicht«, und damit zum Aus­druck brachte, dass er Juve kei­nes­falls im Stich lassen würde – zu einem Zeit­punkt, als noch nicht klar war, ob es für den Rekord­meister nach dem Mani­pu­la­ti­ons­skandal nicht sogar in die Serie C, die dritte Liga, gehen würde.

Den­noch haderte man in Turin auch immer wieder mit ihm, denn bei allen Erfolgen, die er vor­weisen kann, hatten nicht wenige Tifosi das Gefühl, dass er es mit ein biss­chen mehr Anstren­gung noch weiter hätte bringen können. Vor allem nach seinem schweren Kreuz­band­riss im November 1998 dau­erte es sehr lange, bis er wieder zu alter Form fand. Aus dieser Zeit stammt auch jenes Zitat des Juve-Eig­ners Gianni Agnelli, der ange­sichts schwa­cher Leis­tungen seines eins­tigen Lieb­lings ver­kün­dete: »Wir warten auf Godot« Der Rest des Landes sah ihn ohnehin viel kri­ti­scher, denn in der Natio­nal­mann­schaft schaffte er es nie zum unum­strit­tenen Stamm­spieler und zeigte auch nicht die Leis­tungen, die man aus Turin zumin­dest vor seiner Ver­let­zung gewohnt war. Im Jahr 2000 geriet er sogar zum Buh­mann der Nation, weil er im EM-Finale zwei Groß­chancen gegen Frank­reich aus­ließ und somit in den Augen vieler für die dra­ma­ti­sche 1:2‑Niederlage ver­ant­wort­lich zeich­nete.

Doch im Gegen­satz zu Godot sollte sich das Warten auf Ales­sandro Del Piero lohnen. Mit David Tre­ze­guet bil­dete er ab 2000 einen neuen Traum­s­turm und schoss Juve zu vier Meis­ter­schaften in fünf Jahren. Als Juve zwangs­re­le­giert wurde, holte sich Del Piero in der Serie B die Tor­schüt­zen­krone und schaffte mit der Mann­schaft den direkten Wie­der­auf­stieg in die Serie A, wo er in der fol­genden Saison eben­falls die meisten Treffer erzielte und Ita­liens Fuß­baller des Jahres wurde. Da hatten auch die übrigen Ita­liener längst ihren Frieden mit ihm gemacht. Gerade erst wurde er zum zweiten Mal nach 2008 zusammen mit Gian­luigi Buffon zum belieb­testen Kicker des Landes gewählt.

»Die Wün­sche waren nie größer als die Mög­lich­keiten«

Im Verein hat er längst alle Rekorde gebro­chen, gut mög­lich, dass er auch dort noch auf 300 Treffer kommen wird, zumin­dest gilt das Arbeits­pa­pier des heute 35-Jäh­rige noch bis Sommer 2011 – Ver­län­ge­rung nicht aus­ge­schlossen. Es wäre nur eine wei­tere Marke für die Ewig­keit, den Rekord für die meisten Treffer und die meisten Spiele für den Verein hat er nun bereits zusammen. Trotz allem ist Ales­sandro Del Piero immer auf dem Boden geblieben, zurück­hal­tend, ange­nehm. Er selbst hat immer wieder betont, wel­chen Anteil seine Eltern daran hatten, sein Vater war Elek­triker, seine Mutter Haus­frau, und wie glück­lich seine Kind­heit gewesen sei, in der »die Wün­sche nie größer waren als die Mög­lich­keiten«. Auch wenn er seinem Glück manchmal ein biss­chen nach­helfen musste:

»Wenn einer mit dem Ball zwi­schen den Füßen lebt, kommt es vor, dass Vasen, Fenster und Möbel­stücke zu Bruch gehen. Und es kommt vor, dass eine Mutter dann end­lich nach­gibt, der Angst zum Trotz, ihr Söhn­chen könnte schwitzen und sich eine Erkäl­tung ein­fangen: ›Ich melde dich im Fuß­ball­verein an.‹ Mamma Bruna bat meinen ersten Trainer Umberto Prestia, mich doch bitte ins Tor zu stellen. Denn dies war, ihr zufolge, die Posi­tion auf der man nicht rannte, sich nicht weh tat und, am wich­tigsten, nicht schwitzte. Glück­li­cher­weise hat er nicht auf sie gehört, wohl auch auf Anraten meines Vaters und meines Bru­ders. Wer weiß, was für ein Tor­hüter ich geworden wäre.« Wahr­schein­lich keiner, nach dem eine Zona del Piero benannt worden wäre. Danke dafür.