Als sich die Tür zum Pressezentrum öffnet, gibt es Standing Ovations. Der ganze Raum ist voller Menschen: Profis, Ehemalige, Funktionäre, Pressevertreter – einfach alle sind gekommen. Joaquín kennt hier jeden einzelnen. Als er den Raum betritt, öffnet sich ein Spalier für den Protagonisten des heutigen Tages. Er schreitet hindurch, ein Grinsen auf dem Gesicht. Er schüttelt Hände, umarmt Leute, verteilt Küsschen. Erst als er ganz vorne angekommen ist, ebbt der Applaus langsam ab. Die Leute nehmen Platz, so wie bei einem Gottesdienst. Dann ergreift Ángel Haro, der Präsident, das Wort.
Anlass zu diesem Schauspiel gibt das Karriereende von Joaquín Sánchez Rodríguez, Außenstürmer von Real Betis, Klublegende und Ikone des spanischen Fußballs. Einen Tag zuvor hatte er per Videobotschaft verkündet, seinen im Sommer auslaufenden Vertrag bei den Verdiblancos nicht zu verlängern. Und deshalb fließen an diesem Donnerstagmittag Tränen in Sevilla. Immer wieder ringt der Stürmer um Worte, kämpft mit sich, wischt sich die Tränen vom Gesicht. Doch es wird auch viel gelacht an diesem Tag – so wie immer, wenn Joaquín dabei ist. Die Pressekonferenz dauert ganze zwei Stunden. Joaquín, das wird währenddessen deutlich, ist mehr als nur ein Spieler dieses Vereins. Er ist auch mehr als der Kapitän der ersten Mannschaft. Er ist das Herz von Real Betis.
Der Mann mit dem ansteckenden Lachen
Eine Zeit vor Joaquín ist für Fans des spanischen Fußballs mittlerweile kaum noch vorstellbar. Denn es ist bald 23 Jahre ist es her, dass er das erste Mal das Trikot der Béticos trug – damals noch in der zweiten Liga. Der Südspanier galt als eines der größten Offensivtalente des Landes: schnell, dribbelstark, explosiv im Antritt und mit einem fantastischen Abschluss. Er war ein Spieler für die genialen Momente.
Seitdem ist viel passiert: der Aufstieg in die erste Liga, drei spanische Pokalsiege, Champions League- und UEFA-Pokal-Nächte, dazwischen Gastspiele in Valencia, Málaga und Florenz. Einen ganz großen Titel konnte Joaquín allerdings nicht gewinnen. Nicht einmal mit der spanischen Nationalmannschaft, für die er von 2002 bis 2007 insgesamt 52 Mal auflief. „Sie gehen und fangen an zu gewinnen, die Mistkerle!“, schimpfte Joaquín augenzwinkernd über die Titelserie der Furia Roja, die unmittelbar nach seiner letzten Nominierung ihren Anfang nahm.
Joaquín ist keiner, der sich selbst zu ernst nimmt. Sucht man im Internet nach seinen besten Momenten, stößt man auf Dribblings, Direktabnahmen und Torjubel. Aber man findet auch minutenlange Highlight-Clips mit den besten Streichen und lustigsten Witzen des Außenstürmers. „Meine Tore sind nicht wichtig“, sagt er selbst. „Wichtig ist, dass Lachen das Ansteckende ist.“ Auf Joaquín können sich in Spanien viele Menschen einigen.
Einer, der den Fußball liebt
Darauf angesprochen, dass er in seiner 23-jähren Profilaufbahn nie für einen der ganz großen internationalen Vereine gespielt hat, reagiert Joaquín gelassen. „Hätte ich mehr tun können? Vielleicht. Ich hätte aber auch weniger tun können.“ Dass Joaquín nie bei Real Madrid unter Vertrag stand, grenzt allerdings fast an ein Wunder. Nach der WM 2006 hatte Real-Präsident Florentino Perez den Außenstürmer quasi schon in die Hauptstadt geholt. Der Wechsel platzte, weil Betis-Boss Manuel Ruiz de Loperta zu lange um die Ablösesumme pokern wollte.
Doch Joaquín war mittlerweile zu groß für Real Betis geworden. Er ging zum FC Valencia, dann zum Investorenklub nach Malaga, mit dem er 2012/13 bis ins Champions-League-Viertelfinale einzog und von Borussia Dortmund in letzter Sekunde geschlagen wurde. Nach zwei Saisons in Florenz kehrte er 2015 zurück nach Sevilla – und 20.000 Fans hießen den Heimkehrer bei der offiziellen Vorstellung willkommen. Inzwischen ist er sogar als Eigentümer an Real Betis beteiligt. Zu seiner Vertragsverlängerung im Jahr 2017 sicherte er sich zwei Prozent der Klubanteile. „Ich habe so viel in Aktien investiert, dass mein zweites Vertragsjahr quasi umsonst ist“, sagte er. Und lachte.
Joaquín ist eine Klublegende, die Fans sehen in ihm den größten Spieler der Vereinsgeschichte. Seine Karriere definiert er nicht nur über Titel. Und seinen Traum in grün-weiß lebt er ohnehin: „Aufstehen, zum Training gehen können, die Fußballschuhe anziehen und den Rasen riechen. Das würde ich gegen nichts auf der Welt tauschen.“ So spricht einer, der den Fußball wirklich liebt.
Und deshalb machte Joaquín auch immer weiter. Jahr für Jahr verlängerte er seinen Vertrag, spielte bis zuletzt auch sportlich eine wichtige Rolle für Real Betis. Inzwischen ist Joaquín Rekordspieler des Vereins – und bald vielleicht auch der Primera División. Insgesamt 615 mal stand er in in Spaniens höchster Spielklasse auf dem Feld. Nur acht Spiele noch, dann ist er alleiniger Rekordhalter vor Anton Zubizarreta, dem Torwart, der in den 80er und 90er Jahren 622 Mal für Barcelona, Bilbao und Valencia gespielt hat. Es könnte knapp werden: Real Betis spielt diese Saison noch neun Ligaspiele.
Andere Rekorde hat Joaquín bereits aufgestellt. Er ist der einzige Spieler, der mit Real Betis mehr als einen Titel gewinnen konnte: 2005 und 2022 gewann er mit den Verdiblancos die Copa del Rey. 2019 wurde er zum ältesten Hattrick-Torschützen der Ligageschichte. „Jedes Mal, wenn etwas passiert, stelle ich einen Rekord auf, denn in diesem Alter gibt es nicht viele Spieler“, sagte der Routinier damals. An ein Karriereende dachte er aber noch nicht.
„Real Betis ist mein Leben“
Jetzt, vier Jahre später, verkündet Joaquín allerdings, dass er seinen Vertrag nicht noch einmal verlängern wird. „Ich habe diese Farben 13 Jahre verteidigt in unserem Stadion Benito Villamarín. Es ist an der Zeit, euch zu sagen, dass das meine letzte Saison ist“, sagt er in einer Videobotschaft. Der Stürmer stockt kurz, dann setzt er sein altbekanntes Grinsen auf. „Aber es ist kein Abschied, eher ein ‚wir sehen uns bald’. Ich werde an eurer Seite bleiben, denn Real Betis ist mein Leben.“
23 Jahre lang hat Joaquín Profifußball gespielt und damit eine Ära geprägt. Er ist der letzte Spieler einer Generation. Legendenstauts erlangte er währenddessen nicht nur in Sevilla, sondern in ganz Spanien. Und darüber hinaus. „23 Jahre lang habe ich versucht, meinen Fußball in Kunst zu verwandeln, damit sich Generationen daran erinnern. Jetzt ist es an der Zeit, meine Schuhe an den Nagel zu hängen“, sagt er. „Und damit auch meine Kunst.“