Jamal Musiala ist ein Experte für komplizierte Fälle. Wenn es knirscht und hakt, kommt er ins Spiel. Ihm bereiten solche Situationen keine Probleme. Im Gegenteil. Er folgt einfach seiner Intuition. Nur manchmal funktioniert das leider nicht.
Mitte Mai war das so, als Musiala mit dem FC Bayern München kurz vor dem Saisonende im obligatorischen Quarantäne-Trainingslager weilte. Sein Trainer Hansi Flick nahm ihn zur Seite, um ihm die freudige Nachricht zu überbringen, dass er tatsächlich im Kader der deutschen Fußball-Nationalmannschaft für die Europameisterschaft stehen würde. Und Musiala? War mit dieser Situation komplett überfordert. „Ich wusste auch nicht genau, was ich zu fühlen hatte – weil es so groß ist“, hat er vor kurzem erzählt. „Seit der Kindheit träumt man von so einer Chance.“
Die Kindheit liegt bei Jamal Musiala noch nicht allzu lange zurück. Erst im Februar ist er volljährig geworden. Bambi nennen sie ihn, bei den Bayern genauso wie in der Nationalmannschaft. „Er ist einfach ein lieber süßer Kerl“, sagt sein Teamkollege Serge Gnabry. Aber der Spitzname spielt nicht nur auf sein jugendliches Alter an, sondern auch auf seine Fähigkeiten als Fußballer. „Man kann da einen Zusammenhang mit seinen Bewegungen erkennen, die ja sehr flüssig sind“, sagt Gnabry. „Er kommt immer an seinen Gegenspielern vorbei.“ Jamal Musiala mit legalen Mitteln auf dem Fußballplatz zu stoppen, ist ungefähr so leicht, wie ein Rehkitz mit bloßen Händen zu fangen.
„Er kommt immer an seinen Gegenspielern vorbei“
Serge Gnabry – über seinen Mitspieler Musiala
„Er ist ein Riesenfußballer. Er hat diese besondere Leichtigkeit und kann uns in Situationen helfen, wo wir ein bisschen Druck ausüben müssen“, hat Oliver Bierhoff, der Manager der Nationalmannschaft, schon zu Beginn der EM-Vorbereitung gesagt. Und der Moment, in dem Musiala dem Team helfen musste, kam schneller als erhofft.
Am vergangenen Mittwoch, im letzten Vorrundenspiel gegen Ungarn, wurde er wenige Minuten vor Schluss eingewechselt. Den Deutschen drohte zu diesem Zeitpunkt eine Niederlage gegen den krassen Außenseiter und damit das vorzeitige EM-Aus. Dass es nicht dazu kam, lag in erster Linie an Leon Goretzka und seinem Tor zum 2:2‑Endstand. Es lag aber mindestens in zweiter Linie an Jamal Musiala, der diesen Treffer von der linken Seite in Auftrag gab. Der Teenager zog drei Ungarn auf sich, ließ sie mit einem abrupten Richtungswechsel ins Leere tapsen und spielte dann einen überlegten Pass in den Rückraum zu Goretzka.
„Seine Qualitäten sind echt außergewöhnlich“, sagt Serge Gnabry. Selbst wenn man sich Musialas Dribbling vor Goretzkas Tor wieder und wieder anschaut, fällt es schwer, seine Bewegungen wirklich zu greifen. Was Musiala macht, kann man nicht lernen. Seine Klasse erschließt sich hingegen auf den ersten Blick. „Er macht viele Dinge, die gut sind, die sehr gut sind“, sagt Bundestrainer Joachim Löw, der den Münchner gegen Ungarn erstmals in den Spieltagskader aufnahm, nachdem er bei den beiden Spielen zuvor auf der Tribüne saß.