Es war wohl nicht die beste Idee, mit einem Pferd an diesem Montag durch die Alt­stadt von Posen zu laufen. Im Nor­mal­fall stellen sich die Tou­risten für ein Foto eher scheu neben den Vier­beiner, doch an diesem Tag war nichts normal. Gleich schwang sich ein Fan mit blankem Ober­körper in bester John-Wayne-Manier aufs Pferd und thronte dort mit der iri­schen Fahne, als führe er eine Rei­ter­staffel an. Wenig später zweck­ent­frem­deten andere Iren das Tier als Trans­port­mittel für meh­rere Bier­kästen und erkun­deten ​Boys in green“ jene Kör­per­teile, die nicht in jedem Bio­lo­gie­buch auf­tau­chen.

Ein Auto­fahrer hatte der­weil damit zu kämpfen, dass ihm ein Ita­li­e­nier in Römer­kostüm aufs Dach stieg und von dort mit einem Plas­tik­schwert den Gesang ​Seven Nation Army“ koor­di­nierte. Was sich am Montag in Poznan abspielte, war ein beein­dru­ckendes Fest von Ita­lie­nern, Polen und vor allem Iren, das am frühen Mon­tag­morgen begann und wohl bis zur Stunde andauert. Wahr­schein­lich wird so man­cher Bar­be­sitzer in den nächsten Tagen beim Auf­räumen noch einen freu­de­trun­kenen Fan unter dem Tresen auf­finden.

Fans aller Länder ver­ei­nigten sich zu einem Fuß­ball-Wood­stock, Polen, Ita­liener, Iren stimmten noch um sieben Uhr am Diens­tag­morgen, als die Sonne längst auf­ge­gangen und die Zapf­hähne ver­sie­gelt waren, den pol­ni­schen Ruf an: ​Polska – Bialo-Czer­woni“. Es war die pure Freude, kei­nerlei Aggres­sionen, kei­nerlei Miss­töne. ​Trapp­a­toni – he used to be Ita­lian but he is Irish now“, schallte es, ange­stimmt von Ita­lie­nern wohl­ge­merkt. Und die Iren umschmei­chelten nicht nur die pol­ni­schen Damen in den kurzen Röcken, son­dern gleich die ganze Stadt Posen: ​We will never go home“, sangen sie. ​Fuß­ball, bil­liges Bier, hüb­sche Frauen, tolle Stadt – so muss das Para­dies aus­sehen“, sagte ein Fan. Die Polen gaben den Gesang zum Besten, den sie von den Iren gelernt hatten und der sinn­bild­lich für den ganzen Tag stand: ​F… you, Roy Keane, we sing when we want.“

Der frü­here Natio­nal­spieler Keane hatte nach dem 0:4 der Iren gegen die Spa­nier gegen­über einem eng­li­schen TV-Sender gespottet, dass man nicht nur zum Singen zu einem Tur­nier fahren solle. ​Die Spieler und Fans sollten ihre Men­ta­lität ändern“, kri­ti­sierte Keane die Party-Atmo­sphäre – und die iri­schen Fans ant­wor­teten deut­lich: Wir singen, wann es uns gefällt.

Das konnte auch eine Bot­schaft an die Uefa sein, die in diesem Tur­nier vor allem auf den Jubel auf Knopf­druck setzt. In den Sta­dien pos­tieren sich die Kame­ra­männer direkt vor den Fan­kurven, um kurios ange­zo­gene Zuschauer, attrak­tive Frauen oder eine Mischung aus beidem ein­zu­fangen. Viele auf den Rängen tun der Uefa den Gefallen, balgen sich darum, im Bild zu sein, bet­teln den Kame­ra­mann an, sind sich für keine Pose zu dumm, kugeln sich beim hys­te­ri­schen Winken die Schulter aus. Die Sta­dien, so scheint es, sind voll mit Tele­tub­bies.

In Posen fei­erten die Fans ihre eigene Party und die Uefa schaute nur zu. Die mit Techno-Beats auf­ge­pumpte, offi­zi­elle Fan-Zone ver­wahr­loste. ​Vol­un­teers“ wurden durch die fei­ernde Alt­stadt mit Schil­dern geschickt: ​Follow us to the Fan-zone“. Doch Ita­liener und Iren dachten gar nicht daran, sie zele­brierten lieber in der Alt­stadt den ​Poznan dance“. ​Was die Uefa sagt, inter­es­siert uns nicht“, meint Marcin. Er hat vor dem Sta­dion mit seinen Freunden kur­zer­hand den Vor­garten zur Kneipe ver­wan­delt. In der Ein­fahrt stehen Bier­zelt­gar­nitur, Regen­schirme und Zapf­säule. Der Vater steht am Grill und die Groß­el­tern hocken auf den Treppen des Haus­ein­gangs, sie winken den Fans mit dem Spa­zier­stock zu.

Die Iren bela­gern die Bänke. Und sie haben für die Deut­schen einen schönen Gruß parat: ​There is only one Angela Möörkel – she gave us the cash, we are on the lash. Wal­king in a Möör­kel­won­der­land.“ Frei über­setzt: Merkel hat uns das Geld geschickt, wir ver­saufen es. Ken aus Dublin holt eine Runde Bier. ​Ich zahle. Ihr habt uns schon genug Geld gegeben.“ Er trägt eine Pudel­mütze in den iri­schen Natio­nal­farben, die Schul­tern hängen etwas, grüne Farbe ver­läuft in seinem Gesicht. Ken ist an die 70 Jahre alt, den großen Tri­umph der Iren 1988 hat er in Deutsch­land mit­er­lebt, wenn Irland ruft, dann kommt er. Und es ist egal, dass er und sein Kumpel nicht mehr die Jüngsten sind. Und es ist egal, dass es drei Uhr in der Früh ist und Ken von einem nüch­ternen Zustand so weit ent­fernt ist wie Irland vom Einzug ins Vier­tel­fi­nale. Sie singen sich die Seele aus dem Leib, ab und an wird jemand mit run­ter­ge­las­sener Hose auf einem Stuhl über die Köpfe getragen, pur­zeln Men­schen mit Trapp­a­toni-Masken über­ein­ander, über­lappen sich die Gesänge. ​When I see you Ire­land, I just cant get enough“ oder das atem­be­rau­bende ​Fields of Athenry“. Ely­sion liegt in Polen.

Die Besitzer des Hos­tels hat uns freund­li­cher­weise noch zwei Betten ins Zimmer gestellt, wahr­schein­lich damit wir uns nicht alleine fühlen. So schlafen wir nicht neben zehn, son­dern zwölf voll­trun­kenen Iren zwei Stunden lang den Fuß­ball-Rausch aus. Würde man den Geruch dieses Zim­mers kon­ser­vieren können, wäre er eine Waffe, vor der selbst Ach­ma­di­ned­schad zurück­schre­cken würde. Durch das geöff­nete Fenster wehen die Gesänge von den Straßen ins Zimmer. Es ist mitt­ler­weile neun Uhr mor­gens. Man hört: ​F… you, Roy Keane, we sing when we want.“